Serie Textkritik No. 3: Ein Saaltext als klassistische Barriere
Aktualisiert: 28. Okt.
Hier nehme ich mir in loser Folge reale Museumstexte vor – Wandtexte, Saaltexte, Objektbeschriftungen – und seziere sie, Satz für Satz. Welche Fragen an den Text gestellt werden und welche kritischen Befunde es gibt, habe ich hier erläutert.
Gefunden habe ich den Text in der Ausstellung „Geteiltes Leben. Kunst und Migration in Berlin“ im Ephraim-Palais (11. September 2026 bis 7. Februar 2027).
Der Text:
„Welche Rolle spielen Erfahrungen von Migration und Exil für das künstlerische Schaffen?
Die Ausstellung ermöglicht Einblicke in die unterschiedlichen künstlerischen Arbeitsweisen und politischen Kontexte in Ost- und Westberlin. Mit den jüngeren Werken spannt sie einen Bogen in die zeitgenössische, postmigrantische Realität der Stadt. Thematisch spürt sie die mehrheimischen Zugehörigkeiten der Künstler:innen auf und untersucht das Sehen und Gesehenwerden.
Der Titel Geteiltes Leben ist dem Gedicht des Juristen und Lyrikers Ertekin Özcan (1946–2023) entlehnt und verweist auf das Leben im Hier und Dort, auf das Leben in der Diaspora. Gleichzeitig blickt die Ausstellung auf miteinander geteilte Geschichte(n) und Orte in der Metropole Berlin.
Archivmaterialien und Audiointerviews mit den Künstler:innen ergänzen die Werke und eröffnen migrationsgesellschaftliche Perspektiven auf Berliner Geschichte(n).
Parallel zu Geteiltes Leben. Kunst und Migration in Berlin präsentiert der Gropius Bau vom 10. September 2026 bis zum 17. Januar 2027 die von Gürsoy Doğtaş und Patrizia Dander, mit Sonja Borstner und Elena Franziska Setzer kuratierte Ausstellung Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960.
Einige Künstler:innen sind sowohl hier als auch im Gropius Bau zu sehen. Im Gropius Bau finden sich einige Leihgaben aus dem Berlin Museum.“
Die Kritik:
Das Beste an diesem Text ist zweifellos der Anfang. Es ist immer gut, Ausstellungsbesucher mit einer Frage anzusprechen. Denn im besten Fall würden diese mit der Frage im Hinterkopf durch die Ausstellung gehen, auf der Suche nach Antworten.
Ausstellungskonzepte und auch die sie beschreibenden Texte sollten eine Big Idea (nach Serrell) wiedergeben. Was ist die Big Idea? Die Fragestellung in der Überschrift ist es nicht, denn sie ist zu weitgehend, zu offen gestellt. Im anschließenden Text ist die Big Idea auch nicht enthalten. Im Gegenteil: Es verstärkt sich der Eindruck, dass die Autoren sich möglichst auf nichts festlegen wollen. Dafür formulieren sie aber universale Ansprüche.
Sehen Sie sich nur mal die Häufung von Merismen an. (Ein Merismus ist eine rhetorische Figur, bei der ein Ganzes durch die Nennung seiner Teile oder durch zwei entgegengesetzte Begriffe bezeichnet wird.) Hier wird es interessant. Solche Formulierungen können drei Funktionen erfüllen:
Unverbindlichkeit: Man muss sich nicht entscheiden, welche konkreten historischen Ereignisse oder individuellen Erfahrungen gemeint sind.
Legitimierung: Die Ausstellung klingt umfassend, offen und gesellschaftlich relevant.
Abstraktion: Konkrete Inhalte werden durch Begriffe ersetzt, die erst noch mit Bedeutung gefüllt werden müssten.
Nun kommen in dem Text gleich mehrere Merismen vor, nämlich:
Geschichte und Geschichten
Ost und West
Sehen und Gesehenwerden
Hier und Dort
Selbst da, wo sich keine Merismen anbieten, verwendet man additive Begriffsreihungen wie:
Migration und Exil
Künstlerische Arbeitsweisen und politische Kontexte
Geschichte(n) und Orte
Unklar bleibt, was diese Begriffsreihungen aussagen sollen – außer dass sie die Unbestimmtheit, das Fehlen der Big Idea, weiter verdeutlichen und dafür den umfassenden Anspruch der Ausstellung überhöhen.
Merismen und Begriffsreihungen sind eine große Nebelmaschine. Sie kaschieren, dass der Ausstellung eine Big Idea fehlt, aber überhöhen ihren Anspruch auf „Bedeutung“.
Bedeutungsüberhöhung betreibt man auch mit dem wissenschaftlichen Jargon:
„postmigrantisch“ (Satz 2): ein Begriff aus der Migrationsforschung, den man besser erklärt hätte.
„mehrheimischen Zugehörigkeiten“ (Satz 3): ein Kunstwort, das man besser gestrichen hätte.
„migrationsgesellschaftliche Perspektiven“ (Satz 6): ein Fachbegriff als Wortungetüm, den auch Leser mit Hochschulabschluss erst auflösen müssen.
Wie alle schlechten deutschen Texte verwendet auch dieser Ausstellungstext Nominalstil, Funktionsverbgefüge und Passivkonstruktionen. Funktionsverbgefüge heist: Anstelle konkreter Verben werden Hauptwörter mit Verben zu einem Funktionsverbgefüge zusammengesetzt. Funktionsverbgefüge kommen besonders häufig in Wissenschaft, Bürokratie, Verwaltung und Politik vor. Wolf Schneider kritisierte solche sprachlichen „Aufblähungen“, weil sie Texte unnötig kompliziert machen und klare Aussagen verschleiern.
Formulierung im Text | Sprachliches Problem |
„Welche Rolle spielen Erfahrungen von Migration und Exil für das künstlerische Schaffen?“ | „Rolle spielen“ ist ein Funktionsverbgefüge. „Erfahrungen“, „Migration“, „Exil“ und „Schaffen“ häufen abstrakte Substantive. |
„Die Ausstellung ermöglicht Einblicke in …“ | „Einblicke ermöglichen“ ist ein Funktionsverbgefüge. Die Ausstellung wird nicht konkret als handelndes Subjekt beschrieben. Das verb “zeigen” hätte es auch getan |
„die unterschiedlichen künstlerischen Arbeitsweisen und politischen Kontexte“ | Nominalstil: „Arbeitsweisen“ und „Kontexte“ verdichten komplexe Sachverhalte zu abstrakten Substantiven. |
„Mit den jüngeren Werken spannt sie einen Bogen …“ | Metaphorische Wendung statt konkreter Aussage. „Einen Bogen spannen“ ist zwar kein typisches Streckverb, aber eine häufig verwendete Sprachschablone. |
„Thematisch spürt sie … Zugehörigkeiten … auf“ | „Aufspüren“ wird mit einem abstrakten Objekt verbunden. Das Verb suggeriert eine gezielte Suche, ohne deren Gegenstand genauer zu bestimmen. |
„untersucht das Sehen und Gesehenwerden“ | Substantivierungen von Verben. Der konkrete Vorgang wird in abstrakte Begriffe verwandelt. |
„verweist auf das Leben im Hier und Dort“ | „Verweisen auf“ ist ein typisches Funktionsverbgefüge. Es bleibt offen, was die Formulierung konkret aussagt. |
„eröffnen migrationsgesellschaftliche Perspektiven auf …“ | „Perspektiven eröffnen“ ist ein häufig verwendetes Funktionsverbgefüge. Die Formulierung behauptet einen Erkenntnisgewinn, ohne ihn zu benennen. |
„Einige Künstler:innen sind sowohl hier als auch im Gropius Bau zu sehen.“ | Passivische Konstruktion mit „zu sehen sein“. Die Künstler:innen werden wie Ausstellungsobjekte behandelt; gemeint sind vermutlich ihre Werke. |
„Im Gropius Bau finden sich einige Leihgaben aus dem Berlin Museum.“ | „Sich finden“ ist eine unpersönliche, wenig präzise Ausdrucksweise. |
Nehmen wir nur mal diesen Satz:
„Thematisch spürt sie die mehrheimischen Zugehörigkeiten der Künstler:innen auf.“
Im Ernst: Der Satz ist sprachlich grotesk. Was soll das bedeuten?
Das Verb passt nicht zum Objekt.
Man spürt Spuren, Fährten, Verdächtige oder verborgene Zusammenhänge auf. Das Verb bezeichnet eine Suche, bei der etwas bislang Unbekanntes entdeckt wird, möglicherweise auch nur „gespürt“. Doch Zugehörigkeiten sind keine versteckten Gegenstände, die irgendwo herumliegen und aufgespürt werden müssen.
Das Objekt ist unklar.
Was sind „mehrheimische Zugehörigkeiten“? Menschen, die sich mehreren Orten zugehörig fühlen? Künstler:innen, die mehrere Heimatorte haben? Menschen mit mehreren kulturellen Bezugspunkten?
Das Adverb ist überflüssig.
„Thematisch“ kündigt an, dass es um ein Thema geht. Das ist bei einem Ausstellungstext keine sonderlich hilfreiche Information.
Die Aussage bleibt unverständlich.
Was tut die Ausstellung konkret? Sie zeigt Werke? Sie untersucht Biografien? Sie fragt Künstler:innen nach ihren Erfahrungen? Sie analysiert, wie Heimat in ihren Arbeiten dargestellt wird?
Hier werden ein unpassendes Verb, ein erklärungsbedürftiger Neologismus und ein überflüssiges Adverb zu einer Formulierung kombiniert, die wissenschaftlich und bedeutungsvoll klingen soll, aber keine klare Aussage vermittelt.
Das ist nicht einfach nur Nominalstil. Es ist ein Beispiel für sprachliche Unverständlichkeit durch die Kombination von semantisch unpassender Wortwahl und begrifflicher Unschärfe.
Nur am Rande will ich bemerken, dass es hier zu einer inhaltlichen Inkonsequenz kommt:
Thematisch spürt sie die mehrheimischen Zugehörigkeiten der Künstler:innen auf und untersucht....
Thematisch spürt sie auf – im selben Satz untersucht sie. Was denn nun? Wird hier eine Fährte schnuppernd gesucht oder wird das Ganze mit wissenschaftlichem Anspruch „untersucht“?
"Mit den jüngeren Werken spannt sie einen Bogen in die zeitgenössische, postmigrantische Realität der Stadt." (Ein Bogen wird von einem Anfangspunkt zu einem Endpunkt gespannt. Hier wird der Anfangspunkt nicht benannt.) Würde man schreiben: „Sie spannt einen Bogen von den 70er Jahren bis heute“, wäre das konkret und sprachökonomisch perfekt. Aber wo kämen wir da hin? Dann wäre ja die Luft raus – sprich, die Bedeutungsüberhöhung würde entfallen.
"Gleichzeitig blickt die Ausstellung auf miteinander geteilte Geschichte(n) und Orte in der Metropole Berlin."
Wer teilt hier was mit wem? Wird die Geschichte oder werden Geschichten geteilt? Oder sind es sogar Orte, die geteilt werden? Leerformeln.
Kein Stilbruch, sondern gelebter Klassismus.
Nun gut. Man könnte nun einwenden, das sei bloße Stilkritik. Ist es eben nicht. Denn seit Bourdieu wissen wir, dass Sprache ein Herrschaftsinstrument ist. Wer eine unverständliche Fachsprache verwendet, die dem Besucher suggeriert, dass er nur ein kleines intellektuelles Würstchen vor dem großen Museum ist, der betreibt Klassismus in seiner reinsten Form. Anstatt sich Besuchern zu nähern, werden durch eine solche Sprache diskriminierende Schranken aufgebaut. Mehr über den Klassismus in Museumstexten finden Sie hier.
Eine geänderte Version habe ich dieses Mal nicht erstellt. Dafür waren die Inhalte des Ursprungstextes zu unbestimmt.
Quellen:
Schneider, Wolf: Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2011. ISBN 978-3-499-62629-6. https://www.rowohlt.de/buch/wolf-schneider-deutsch-fuer-junge-profis-9783499626296
Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. 30. Aufl. Berlin: Suhrkamp 2025 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 658). ISBN 978-3-518-28258-8. https://www.suhrkamp.de/buch/pierre-bourdieu-die-feinen-unterschiede-t-9783518282588
Serrell, Beverly: Exhibit Labels. An Interpretive Approach. 2. Aufl. Lanham: Rowman & Littlefield 2015.
Seeck, Francis: Zugang verwehrt. Zürich: Atrium Verlag 2022.
Keenan, Rebecca: Review: Exhibit Labels. An Interpretive Approach by Beverly Serrell. 3. November 2016. https://rebeccakeenanblog.wordpress.com/2016/11/03/review-exhibit-labels-an-interpretive-approach-by-beverly-serrell/ (abgerufen am 22.10.2026)
Museum on Main Street (Smithsonian Institution Traveling Exhibition Service): Exhibition Planning Guide, Version 1.1. Ohne Jahr. https://www.humanitieskansas.org/doccenter/45b34b156b5c4e61ab875352a18c3513 (abgerufen am 22.10.2026)
Burton, Gideon O.: Merismus. In: Silva Rhetoricae. Brigham Young University. https://rhetoric.byu.edu/Figures/M/merismus.htm (abgerufen am 22.10.2026)
Berlin Museum: Geteiltes Leben. Kunst und Migration in Berlin. Ausstellungsseite. Ephraim-Palais, 11. September 2026 bis 7. Februar 2027. https://www.berlin.museum/ausstellung/geteiltes-leben (abgerufen am 22.10.2026)
Museumsportal Berlin: Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960. Gropius Bau, Herbst 2026 bis Januar 2027. https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/kreuzberg-kunst-und-migration-seit-1960/ (abgerufen am 22.10.2026)
Leipziger Internet Zeitung: Zugang verwehrt: Höchste Zeit, über Klassismus in Deutschland zu reden. März 2022. https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2022/03/zugang-verwehrt-hoechste-zeit-ueber-klassismus-in-deutschland-zu-reden-438482 (abgerufen am 22.10.2026)
Wandtext zur Ausstellung Geteiltes Leben. Kunst und Migration in Berlin. Berlin Museum, Ephraim-Palais, Poststraße 16, Berlin. Vor Ort fotografiert im Oktober 2026.
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