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Wie Museumstexte Klassismus reproduzieren

Bernd Röthlingshöfer
28. Okt.
5 Min. Lesezeit

Klassismus bedeutet, Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihres Einkommens, ihres Berufs oder ihrer Bildung als minderwertig zu betrachten, sie abzuwerten oder ihnen Chancen vorzuenthalten. Menschen erfahren Klassismus auf unterschiedliche Weise. Oft geschieht das nicht durch offene Zurückweisung, sondern durch subtile Signale: durch Sprache, Blicke, Verhaltensweisen, Erwartungen und Regeln, die für manche selbstverständlich sind, für andere aber nicht.


Und jetzt sind wir im Museum. Denn Museen schließen natürlich Menschen aus, sei es durch hohe Eintrittsgelder, durch unverständliche Codes (man weiß nicht, wie man sich verhalten soll) oder durch Sprache, die man nicht versteht. Wobei wir bei den Texten der Ausstellung wären.

Kaum etwas wirkt ausschließender als die in Wand- und Objekttexten verwendete Sprache: Kuratorendeutsch, wohin man blickt. Diese Sprache ist nicht neutral: Sie markiert Bildungs- und Statusunterschiede. Sie schafft nur schwer oder gar nicht überwindbare Hürden. Sie macht sich nicht die Mühe, jeden Besuchenden ernst zu nehmen und ihm in verständlicher Sprache zu begegnen. Sie ist vielleicht akademisch, aber wirkt überheblich, ja snobistisch. Sie ist sprachlich zementierter Klassismus.


Sprachlicher Klassismus im Museum hat Folgen. Er entscheidet mit, wer sich angesprochen fühlt, wer die Inhalte versteht und wer sich als legitimer Besucher erlebt. Klassistische Sprache grenzt aus. Sie widmet sich akademisch gebildeten Kreisen, schließt aber andere vehement aus: Paketboten, Pflegekräfte, Handwerker, Kassierer, nahezu alle Angehörigen der neuen working class.


Eintrittskarte ja, Zugang nein

Menschen bringen unterschiedliche sprachliche und kulturelle Voraussetzungen mit. Kuratorische Texte erwarten oft, dass Leser Kunstgeschichte, Philosophie und Fachjargon verstehen. Wer im akademischen oder bildungsbürgerlichen Elternhaus Bücher, akademische Sprache und kulturelle Institutionen kennengelernt hat (und über das sogenannte kulturelle Kapital nach Pierre Bourdieu verfügt), findet leichter in das Kuratorendeutsch hinein. Wer dieses Wissen nicht mitbringt, den schließen solche Texte aus.

Ein Beispiel aus einem Ausstellungstext:

„Thematisch spürt sie die mehrheimischen Zugehörigkeiten der Künstler:innen auf und untersucht das Sehen und Gesehenwerden.“

Wer das akademische Sprachmilieu kennt, kann die Aussage vielleicht entschlüsseln. Andere Besucher müssen möglicherweise schon bei Begriffen wie „mehrheimische Zugehörigkeiten“ und bei der Hohlformel „Thematisch spürt sie auf“ passen. Die Folge: Menschen verstehen den Text nicht, hören auf zu lesen oder setzen sich mit der Ausstellung nicht weiter auseinander. Das entfremdet Besucher ohne akademischen Hintergrund. Die sprachliche Hürde versperrt den kulturellen Zugang.

Der Vorwurf ist alt, das Phänomen aber quicklebendig wie eh und je. Bourdieu hat schon in den 1960er Jahren in „Die Liebe zur Kunst“ argumentiert, dass Kunstmuseen scheinbar allen offenstehen, tatsächlich aber einen Code voraussetzen, den vor allem die oberen Bildungsschichten von klein auf lernen. Wer den Code nicht hat, kann zwar hineingehen, aber wenig damit anfangen.


Scham und Selbstzweifel

Unverständliche Texte können subtil auf die Psyche wirken. Sie signalisieren: „Dieser Raum ist für Eingeweihte.“ Menschen aus der neuen „working class“ fühlen sich dadurch nicht klug genug oder nicht zugehörig. Besucher fragen sich möglicherweise: Bin ich zu ungebildet, um das zu verstehen? Fehlt mir das Wissen, das man hier voraussetzt? Ist dieses Museum überhaupt ein Ort für mich?

Das Problem: Menschen schreiben es möglicherweise sich selbst zu, dass sie den Text nicht verstehen, statt den Text infrage zu stellen. Die Institution bleibt unangetastet. Der Besucher zweifelt an sich selbst.


Sprache als Machtinstrument

Akademische Sprache erzeugt eine Hierarchie zwischen Autoren und Lesenden. Die Institution formuliert. Der Besucher soll entschlüsseln. Das macht Sprache zum Machtinstrument. Der Gedanke stammt vor allem von Bourdieu („Was heißt sprechen?“, 1982) und Michel Foucault („Die Ordnung des Diskurses“, 1970): Sprache verständigt nicht nur, sie sortiert Menschen auch in Rangordnungen ein. Wer die „richtige“ Sprache beherrscht, gewinnt Autorität und Zugang. Wer sie nicht beherrscht, findet weniger Gehör oder bleibt ganz draußen.

Die komplexe, oft künstlich verschachtelte Kuratorensprache zieht so eine Grenze (Distinktion) zwischen der akademischen Elite und dem „einfachen Volk“. Sie diktiert von oben herab, wie ein Werk zu verstehen ist. Wer die Fachsprache nicht spricht, dem sprechen die Texte das Recht ab mitzureden. Deshalb klingt Kuratorendeutsch nach wissenschaftlicher Autorität.


Klassistische Texte verfehlen ihr eigentliches Ziel

Museen wollen nicht nur informieren. Sie wollen zum Nachdenken anregen, unterschiedliche Perspektiven vermitteln und dazu bringen, sich mit Kunst und Geschichte auseinanderzusetzen. Dafür müssen Besucher zunächst verstehen können, worum es geht. Wenn Ausstellungstexte abstrakt bleiben, können Besucher zwar die Kunstwerke betrachten, aber die Zusammenhänge, die die Institution anbietet, möglicherweise nicht nachvollziehen. Die Folge: Besucher können sich schwerer eine eigene Meinung bilden, Fragen stellen oder den Deutungen des Museums widersprechen. Die Texte setzen klar Prioritäten: Der akademische Diskurs zählt mehr als die demokratische Teilhabe. Das ist mehr als ein sprachliches Problem. Es betrifft die Frage, wer an kultureller Bedeutungsproduktion teilhaben kann.

Nicht jeder schwierige Text ist klassistisch. Manches ist fachlich komplex, und das lässt sich nicht immer vermeiden. Klassistisch wird eine Museumssprache, wenn sie die Menschen systematisch benachteiligt und das als selbstverständlich hinnimmt.


Antiklassistische Ausstellungstexte – wie geht das?

Antiklassistische Sprache ist eine allgemein verständliche und niemanden ausgrenzende Sprache. Sie ermöglicht Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihrem Bildungsstand den Zugang zu Informationen, Wissen und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie vermeidet unnötige sprachliche Hürden und verzichtet auf Ausdrucksweisen, die Menschen aufgrund ihres Wortschatzes, ihrer Sprachkenntnisse oder ihres Bildungsstands abwerten oder ihnen das Gefühl vermitteln, nicht dazuzugehören.


  • Texte sollten unklare Begriffe erklären oder durch allgemeinverständliche ersetzen.

  • Texte sollten konkret sagen, was sie zeigen, untersuchen oder darstellen.

  • Autoren sollten unnötigen Nominalstil vermeiden. Was geschieht und wie etwas zusammenhängt, lässt sich häufig direkter und konkreter sagen.

  • Autoren sollten bei akademischen Sprachkonventionen prüfen, ob Leser die Fachbegriffe tatsächlich brauchen, um zu verstehen.

  • Texte müssen unklare Zusammenhänge erläutern, damit Besucher erkennen, wie die genannten Aspekte zusammenhängen.

  • Autoren sollten Texte mit Menschen unterschiedlicher Bildungshintergründe erproben, um schwer verständliche Formulierungen zu entdecken.


In diesem Sinne überschneiden sich die Elemente antiklassistischer Sprache und "Einfacher Sprache". Beide wollen sprachliche Hürden abbauen und den Zugang zu Informationen erleichtern. Gutes Deutsch, das auf Verständlichkeit und Lesbarkeit zielt, ist dafür eine wichtige Voraussetzung.

Aber verständlich zu schreiben allein macht einen Text noch nicht antiklassistisch. Dazu gehört mehr: Autoren müssen auch hinterfragen, welches Publikum sie sich vorstellen, welches Wissen sie bei ihren Lesern voraussetzen und welche gesellschaftlichen Wirkungen ihre Sprache entfaltet. Wen sprechen sie an? Wen schließen sie unbeabsichtigt aus? Wessen Perspektiven kommen vor, wessen fehlen? Und wer wird als jemand betrachtet, der mitreden und eigene Deutungen entwickeln kann?


Antiklassistische Texte verlangen deshalb nicht nur sprachliches Handwerk, sondern auch ein Bewusstsein für die sozialen Voraussetzungen und Folgen des Schreibens. Sie nehmen ihre Leser ernst, ohne ihnen bestimmte Bildungsbiografien, Kenntnisse oder kulturelle Erfahrungen zu unterstellen.


Wer kulturelle Teilhabe ernst nimmt, muss auch die Sprache ändern, mit der Museen über Kunst und Geschichte sprechen. Daran führt kein Weg vorbei.


Quellen

  • Kemper, Andreas/Weinbach, Heike: Klassismus. Eine Einführung, 2009; zitiert nach: PROKLA, Klasse und Klassismus

  • Seeck, Francis/Kottwitz, Marie: Klassismusforschung: Interdisziplinäre Ansätze und Zukunftsperspektiven, Positionspapier, TH Nürnberg, Link

  • Seeck, Francis/Theißl, Brigitte (Hg.): Solidarisch gegen Klassismus, 2020; beschrieben im FES-Gender-Glossar, Klassismus

  • Bourdieu, Pierre/Darbel, Alain: Die Liebe zur Kunst. Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher, UVK, Konstanz 2006

  • Bourdieu, Pierre: Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tausches (frz. „Ce que parler veut dire“, 1982); Zusammenfassung: Was heißt hier „Sprechen“?, SSOAR

  • Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, Antrittsvorlesung am Collège de France, 1970; Zusammenfassung: Lernhelfer, Diskursanalyse

 
 
 

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