Museums-Chatbots – die Totengräber der Kreativität
Zehn Objekte. Mehr als 1.500 Artefakte zeigt die Canadian History Hall im Canadian Museum of History, aber nur bei zehn davon führt ein QR-Code zum KI-Chatbot MUSEO. Doch die öffentliche Reaktion gleicht einem Aufschrei. Hunderte Instagram-Kommentatoren fürchten schon das Ende eines weiteren Berufes, nämlich das des Museumsguides (Michael McBean, „Museum of History’s new AI chatbot sparks backlash“, Montreal Gazette, 6. August 2026).
Allen voran natürlich die Museumsguides selber. Eine Führerin aus Ottawa zeigte sich in der Zeitung besorgt, weil die Werbung des Museums den Bot als Alternative zum Personal darstelle. Ersetzbar sei sie trotzdem nicht, erklärt sie trotzig: „I can't be replaced with AI.“ Sid Dupuis, Guide bei der Haunted Walk of Ottawa und Student der Museumskunde am Algonquin College, sieht es ähnlich: Ein Guide passe seine Erklärung dem Gegenüber an, und die Leidenschaft eines Menschen könne man nicht von einer Tafel ablesen. Das Museum rudert zurück und widerspricht der Befürchtung. MUSEO solle das Personal ergänzen, Führungen und Programme blieben bestehen. Und was die Qualität der Antworten angehe, die sei gesichert, denn der Bot antworte nur aus museumsgeprüftem Material.
Bots on the rise
MUSEO steht nicht allein, und hinter erstaunlich vielen dieser Bots steckt dieselbe Pariser Firma: Ask Mona. Das Muséum d’Histoire Naturelle d’Autun in Burgund ließ zur Ausstellung Merveilles choisies – Du musée Rolin au Panoptique einen Chatbot namens Ève durch dreißig Werke führen. Ein einziger QR-Code am Eingang öffnet die Web-App, die Kamera erkennt das Werk, vor dem der Besucher steht, und Fragen, auf die der Bot keine Antwort hat, landen automatisch bei den Kuratoren (Ask Mona, „AI in Museums: Lessons from the Autun Museum Chatbot“, 19. Mai 2025, Link). Das Musée national des beaux-arts du Québec testete den Ansatz im Sommer 2023 und stattete danach 50 Werke mit QR-Codes aus; die Antworten speisen sich ausschließlich aus Labeltexten, Werkbeschreibungen und Vermittlungsmaterial der Museumsteams (Ask Mona, „From 5 Seconds to 5 Minutes“, 8. April 2025, Link). Schon der Titel dieser Fallstudie zeigt, dass hier ein Anbieter in eigener Sache spricht.
In Cambridge machte das University Museum of Zoology ab dem 15. Oktober 2024 gemeinsam mit dem Start-up Nature Perspectives zunächst einen Monat lang 13 Präparate ansprechbar, vom Dodo-Skelett über den Finnwal bis zur Kakerlake. Die Tiere antworten in der Ich-Form (University of Cambridge, „Public invited to chat to museum animals in novel AI experiment“, Link). Das Experiment lief bis Dezember 2025 weiter. Nach Angaben des Anbieters führten mehr als 3.000 Besucher aus über 150 Ländern rund 4.700 Gespräche (Cambridge University Museums, Blog, Link).
Im Juni 2025 stellte das Schloss Versailles zusammen mit Ask Mona und OpenAI 20 Skulpturen und Brunnen im Garten vor, die in 13 Sprachen mit den Besuchern sprechen (Ask Mona, „Historic Partnership“, 23. Juni 2025, Link). Das Peranakan Museum in Singapur ließ seine Objekte auf dem ATxSummit 2025 antworten; Assistant Director Lum Jia Yi sagte, es gehe darum, „creating the spark, the doorway“, und ausdrücklich nicht darum, das Museum zu ersetzen (OpenAI Forum, Event Recap, 5. Juni 2025, Link). Im Metropolitan Museum of Art in New York können Besucher in den Medieval Galleries per QR-Code mit vier Skulpturen sprechen, mit Maria Magdalena, dem heiligen Augustinus, der heiligen Savina von Troyes und Balthasar, in vier Sprachen; das Modell wurde mit dem Wissen von Kuratoren, Restauratoren und Provenienzforschern des Hauses trainiert. Ask-Mona-Chefin Marion Carré räumt dabei selbst ein, dass die beste Erfahrung eine Führung sei, aber „you can't have a guide for every visitor“ (Naomi Rea, „The Met Launches AI-Driven ‘Talking’ Statues“, Ocula Magazine, 23. Juli 2026, Link).
Und im deutschsprachigen Raum? Das Alimentarium in Vevey bietet seit dem 15. April 2026 zur Ausstellung SYSTEMA ALIMENTARIUM den Chatbot Alima an, auch auf Deutsch; der Chatbot sei nach eigenen Angaben der erste seiner Art für eine ganze Ausstellung in der Schweiz (Alimentarium, Pressemitteilung, März 2026, Link).
Das Alimentarium lohnt allerdings einen genaueren Blick. Alima beantwortet Fragen zu allen 18 Bereichen der Ausstellung, öffnet sich per QR-Code auf dem Smartphone und kommt ohne Schlagwörter und Menüs aus; die Fragen der Besucher steuern das Gespräch. Die Antworten stützen sich nach Angaben des Hauses zu 100 Prozent auf geprüfte Inhalte, die das Kuratorenteam ausgewählt, strukturiert und freigegeben hat, und ausdrücklich nicht auf ein allgemeines System wie ChatGPT. Die Inhalte bereiteten Direktor Boris Wastiau, die Kuratorin Marie Desmartis und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Elise Duchmann auf. Wastiau sagt, Künstliche Intelligenz „ersetzt nicht den Museumsbesuch“, sie biete lediglich einen neuen Weg, die Ausstellung zu erkunden (Alimentarium, Pressemitteilung, 16. März 2026, Link).
Wie Alima im Alltag arbeitet, beschreibt Ask Mona („Alimentarium: A Conversational Agent That Learns With Every Visit“, 12. Mai 2026, Link). Danach gibt es rund zwanzig Agenten, die jeweils an einen Ausstellungsbereich gebunden sind, etwa an die Galaxy of Taste oder den Raum Raw, Cooked, and Rotten. Alima soll, so die Idee, vor allem 15- bis 25-Jährige ansprechen, ein Publikum, das Museen oft schwer erreichen.
Das System bietet tatsächlich viele Vorteile. So zum Beispiel Interaktionen, die mit einer Texttafel nicht möglich wären. Ein Besucher hakt in sechs Wortwechseln zur Mikrobiologie milchsauer vergorener Trockenwurst nach. Eine Gruppe nutzt Alima als Schiedsrichter in einer Debatte. Jemand fragt, warum die Magnum-Fotoauswahl keine Nestlé-Fabriken zeigt. Und wo Alima nicht weiterweiß, landet die Frage im Protokoll der Kuratoren: Bei einem Flammen-Atomabsorptionsspektrometer fehlte die genaue Definition, das Team ergänzte sie, künftige Besucher bekommen die vollständige Antwort. Direktor Wastiau sagt laut Ask Mona, er habe in dreißig Jahren Museumsarbeit noch nie so viel maßgeschneiderte Information so schnell bereitstellen können. Und Marion Carré, die Chefin von Ask Mona, fasst das Prinzip in PR-Sprech so zusammen: „AI is here to serve curiosity.“
Bots, die neuen Kulturvermittler?
Werden Bots nun die menschlichen Führer, Museumspädagogen oder Kulturvermittler vollständig ersetzen? Wohl kaum. Haben etwa die Audioguides, die es bereits seit 1952 gibt, individuelle Führungen überflüssig gemacht? Audioguides und Chatbots verschaffen Besuchern nur weitere Optionen, ihren Museumsbesuch nach eigenen Vorlieben zu gestalten. 1952 führte Willem Sandberg im Stedelijk Museum Amsterdam den ersten Audioguide ein, zur Ausstellung Vermeer: Real or Fake (Guide-ID, „The History of Audio Guides“, 21. September 2023, Link). Das Metropolitan Museum folgte 1963 mit einem Tonbandgerät am Schulterriemen.
Genau darin liegt der Punkt. Besucher sind verschieden. Die einen lesen Wandtexte, andere buchen eine Führung, wieder andere hören lieber zu oder wollen nachfragen. Wer all diese Wege anbietet, vom klassischen Label über den Audioguide und die persönliche Führung bis zum Chatbot, erreicht mehr Menschen als ein Haus, das auf eine einzige Form der Vermittlung schwört.
Dazu kommt ein Vorteil, den weder klassische Texte noch der Audioguide bieten: die Sprachenvielfalt. Ein Wandtext in dreizehn Sprachen füllt die ganze Wand, und eine Führung in dreizehn Sprachen braucht dreizehn Guides. Die Statuen von Versailles sprechen dreizehn Sprachen. Das Alimentarium in Vevey bedient Besucher auf Französisch, Englisch, Deutsch, Arabisch und Mandarin, um nach eigenen Worten der Vielfalt seines Publikums gerecht zu werden. Und in Cambridge waren die Präparate laut der Studierendenzeitung Varsity in zwanzig Sprachen ansprechbar (Varsity, „Museum of Zoology AI project gives voices to extinct animals“, Oktober 2024, Link). Der Besucher fragt in seiner Sprache und bekommt die Antwort aus demselben geprüften Material. Das ist ein Gewinn an Zugang, der bislang nicht möglich war.
Der Druck, KI-Chatbots zu entwickeln, und das Qualitätsdilemma
Können große Museen auf Chatbots überhaupt verzichten? Bei Museen, die ein internationales Publikum anziehen, ist das nur schwer vorstellbar. Denn damit vernachlässigen sie nicht nur den bald selbstverständlich werdenden Komfort für die Besucher, sondern auch die Qualität der Interpretation. Die Gefahr droht von der allgemeinen KI: Jeder trägt ohnehin ein Smartphone in der Tasche und kann eine x-beliebige KI fragen, was er gerade vor sich sieht. Dann antwortet ein Modell, das kein Kurator geprüft hat und das im Zweifel plausibel klingende Fake-News erfindet. Der Slop lässt grüßen.
Die abgeschotteten Museumsbots, die mit internem Material trainiert wurden, können Slop ausschließen. In Québec stammen die Antworten aus den Texten der Vermittlungsteams, MUSEO arbeitet nach Angaben des Museums nur mit museumsgeprüftem Material, und in Vevey beruht Alima auf Inhalten, die das Kuratorenteam ausgewählt, strukturiert und freigegeben hat (Alimentarium, „Alima“, Link). Wer einen Bot haben will, der gute Antworten gibt, versuchen, allerlei mögliche und unmögliche Besucherfragen zu antizipieren. Der Aufwand kann ausarten und das Ergebnis ist womöglich enttäuschend. Denn je mehr man sicherstellen will, dass der Bot keinen Blödsinn verzapft, desto weniger Besucherfragen wird er beantworten können. Dann wird der Bot mitteilen: Das kann ich nicht beantworten. Lässt man dem Bot freie Hand und trainiert ihn nicht nur mit dem Material der Kuratoren, sondern erlaubt ihm, das Internet zurate zu ziehen, wird er auf jede Frage eine Antwort finden. Bloß welche Qualität wird die haben? Genau genommen gibt man damit das Kuratieren aus der Hand – wohin der Bot das Besucherinteresse lenkt, wird dann unkalkulierbar. Beim Oldenburgischen Landesmuseum beantwortet der Kant-Avatar deshalb nur vorgegebene Fragen, so der Direktor Dr. Joachim Mähnert: „Uns war daher das Risiko einer ‚falschen‘ Antwort zu hoch – wir lassen den Avatar jetzt vorformulierte Fragen beantworten, die von Fachleuten freigegeben wurden.“
Das Smartphone zwischen Label und Objekt
Bleibt ein weiterer Einwand: Zwischen Besucher und Objekt schiebt sich ein Gerät. Das Label verband Auge und Ding unmittelbar, nun schaltet sich ein Bildschirm dazwischen und verändert, wie wir wahrnehmen. Zweifler meinen, da verändere sich was zum Schlechten.
Ob Chatbots den Blick auf Objekte verschlechtern, ist bislang nicht belegt. Ein Reporter, der MUSEO in Gatineau selbst ausprobierte, beschreibt immerhin, dass er zwischen Artefakt und Bildschirm hin und her schaute (Michael McBean, Ottawa Citizen, 4. August 2026, Link). Das ist ein Erfahrungsbericht, keine Studie. Die Zahlen, die vorliegen, stammen vom Anbieter und messen Nutzung, nicht die Qualität des Sehens: In Vevey dauerte eine Sitzung einen Monat nach dem Start im Schnitt vier Minuten, mit 8,4 Nachrichten pro Gespräch (Ask Mona, „Alimentarium: A Conversational Agent That Learns With Every Visit“, 12. Mai 2026, Link).
Der Bot kann den Blick schärfen. Wer eine Frage formulieren will, muss erst genau hinsehen. Was ist das? Was fällt mir auf? Was will ich wissen? Das Label liefert Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Der Chatbot beginnt bei der Frage des Besuchers und schickt ihn zurück zum Objekt.
Chatbots – die Totengräber der Kreativität
Natürlich wissen wir alle, dass Ausstellungen nicht einfach von dahingestellten Objekten leben. Die Faszination einer Ausstellung sind die kreativen Mittel, mit denen wir Objekte und ihre Bedeutung erfahren. Audioguides, Hörstationen, Filme, Grafikdesign, Texte – das sind kreative Werke, die einen Museums- oder Ausstellungsbesuch zum Erlebnis machen. Der Chatbot aber ist nicht kreativ. Selbst wenn wir ihm für einen Augenblick für seine Wortwahl Kreativität bescheinigen: Es ist keine menschliche. Es bleibt die statistische Wahrscheinlichkeit aneinandergereihter Worte. Will man wirklich menschliche Kreativität aus dem Museum verbannen und die Vermittlungsarbeit dem Chatbot übergeben? Das erscheint mir völlig widersinnig für Orte, an denen wir menschliche Artefakte bestaunen.
Überhaupt: Schon jetzt umgeben uns Chatbots überall. Glaubt jemand ernsthaft, in wenigen Monaten werden Museumsbesucher einen Chatbot im Museum als bereicherndes Element empfinden? Wohl kaum. Aber den Verlust von Kreativität in der Ausstellungsgestaltung werden sie schmerzlich vermissen, da bin ich mir sicher.
Quellen
Michael McBean: „Museum of History’s new AI chatbot sparks backlash“, Montreal Gazette, 6. August 2026; dieselbe Reportage in anderer Fassung: Ottawa Citizen, 4. August 2026 (Yahoo News Canada), National Post, 6. August 2026 (PressReader)
Ask Mona: „AI in Museums: Lessons from the Autun Museum Chatbot“, 19. Mai 2025, askmona.ai; Ausstellung Merveilles choisies – Du musée Rolin au Panoptique, Muséum d’Histoire Naturelle d’Autun
Ask Mona: „From 5 Seconds to 5 Minutes: How AI Boosts Visitor Engagement in Front of Artwork“, 8. April 2025, askmona.ai
University of Cambridge: „Public invited to chat to museum animals in novel AI experiment“, Oktober 2024, cam.ac.uk; Cambridge University Museums, Blog-Interview mit Nature Perspectives, museums.cam.ac.uk
Ask Mona: „Historic Partnership: Ask Mona and Versailles Launch the First Conversational AIs in French Heritage“, 23. Juni 2025, askmona.ai
OpenAI Forum: „Living Histories: AI as a Bridge to Cultural Heritage, Memory, and Belonging“ (Event Recap), 5. Juni 2025, forum.openai.com; Peranakan Museum, Singapur
Naomi Rea: „The Met Launches AI-Driven ‘Talking’ Statues“, Ocula Magazine, 23. Juli 2026, ocula.com; Metropolitan Museum of Art, New York, Medieval Galleries
Alimentarium, Vevey: „Das Alimentarium startet Alima“, März 2026, alimentarium.org; „Alima“, alimentarium.org; Ausstellung SYSTEMA ALIMENTARIUM
Ask Mona: „Alimentarium: A Conversational Agent That Learns With Every Visit“, 12. Mai 2026, askmona.ai
Guide-ID: „The History of Audio Guides“, 21. September 2023, guide-id.com
Varsity: „Museum of Zoology AI project gives voices to extinct animals“, Oktober 2024, varsity.co.uk
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