top of page

Anforderungen an gute Museums- und Ausstellungstexte

Bernd Röthlingshöfer
12. Aug.
2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Aug.

Was macht gute Museums- und Ausstellungstexte aus? Dazu existiert schon eine Menge an Fachliteratur - vor allem in englischsprachigen Ländern. Ich befrage real existierende Texte aus deutschsprachigen Ausstellungen und Museen. Das ist eine Auswahl der wichtigsten Fragen.


Ist der Text gut verständlich? Steht ein Verb im Satz, oder wurde die Handlung in ein Substantiv verpackt? Wer handelt – oder verschwindet der Handelnde im Passiv oder einem Abstraktum? Ist ein Satz in einem Atemzug lesbar, oder muss man ihn zweimal lesen, um das Subjekt zu finden? Gibt es verschachtelte Nebensätze? Gute Verständlichkeit ist die Basis, das ist Handwerk, wie es der Sprachkritiker Wolf Schneider in seinem Standardwerk Deutsch für junge Profis demonstriert (Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis, Rowohlt, 2011, https://www.rowohlt.de/buch/wolf-schneider-deutsch-fuer-junge-profis-9783499626296)


Werden Fachbegriffe, wenn möglich, vermieden bzw. erklärt? Wer Museumstexte in Fachsprache formuliert, grenzt Besucher aus. Wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu gezeigt hat, wird kulturelles Wissen zum Herrschaftsinstrument: Wer den richtigen Jargon beherrscht, gehört dazu, wer ihn nicht beherrscht, bleibt draußen – unabhängig vom eigentlichen Interesse an der Sache (Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp, https://www.suhrkamp.de/buch/pierre-bourdieu-die-feinen-unterschiede-t-9783518282588). Ein Museumstext, der diesen Jargon unreflektiert übernimmt, diskriminiert seine Besucher.


Hat man als Besucher/in überhaupt Lust zu lesen? Einen besonderen Stellenwert hat dabei die Überschrift und/oder der Eingangssatz. Wecken Überschriften und Eingangssätze das Interesse des Lesers? Machen sie ihn neugierig und motivieren sie ihn zum Weiterlesen?


Spricht der Text mit seinen Lesern? Spricht der Text sein Publikum an, holt er es ab, macht er neugierig – oder referiert er nur, distanziert und von oben herab? Beantwortet der Text die Fragen, die sich Besucher stellen? Gibt es Bezüge zur Lebens- und Erfahrungswelt der Besucher?


Last, not least: Provoziert der Text etwas im Leser? So wie es der amerikanische Vermittlungspionier Freeman Tilden bereits 1957 formulierte: Das eigentliche Ziel guter Vermittlung sei nicht Belehrung, sondern Provokation. Etwas im Besucher auslösen, das ihn zum Weiterdenken bringt, statt ihm nur ein Faktum abzuliefern (Freeman Tilden: Interpreting Our Heritage, University of North Carolina Press, 1957/2008, https://muse.jhu.edu/book/44059). Ein Museumstext, der nur informiert, hat sein eigentliches Ziel verfehlt, selbst wenn jeder einzelne Satz korrekt ist.


Hat der Text überhaupt eine Idee? Die US-amerikanische Museologin Beverly Serrell nennt das die „Big Idea“ – einen einzigen, klaren Satz, der Fokus und Absicht einer Ausstellung zusammenfasst, bevor auch nur ein Wort Text geschrieben wird (Beverly Serrell: Exhibit Labels. An Interpretive Approach, Rowman & Littlefield; zit. nach: Rebecca Keenan, Review: Exhibit Labels, 2016, https://rebeccakeenanblog.wordpress.com/2016/11/03/review-exhibit-labels-an-interpretive-approach-by-beverly-serrell/). Ohne diese Idee bleibt jeder Text, und sei er noch so korrekt formuliert, eine bloße Chronologie – Fakten, die niemand braucht, weil sie so austauschbar sind wie das Datum auf einem Kalenderblatt.


Quellen

·       Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis. Rowohlt, 2011. https://www.rowohlt.de/buch/wolf-schneider-deutsch-fuer-junge-profis-9783499626296

·       Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp. https://www.suhrkamp.de/buch/pierre-bourdieu-die-feinen-unterschiede-t-9783518282588

·       Beverly Serrell: Exhibit Labels: An Interpretive Approach. Rowman & Littlefield. Zitiert nach: Rebecca Keenan, „Review: Exhibit Labels: An Interpretive Approach by Beverly Serrell“, 3. November 2016. https://rebeccakeenanblog.wordpress.com/2016/11/03/review-exhibit-labels-an-interpretive-approach-by-beverly-serrell/

·       Freeman Tilden: Interpreting Our Heritage. University of North Carolina Press, 1957 (erw. Neuauflage 2008). https://muse.jhu.edu/book/44059

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Quadratisch. Praktisch. Gut.

Drei Wörter, seit Jahrzehnten im Kopf. Kennt jemand einen Museumstext, der hängen bleibt? Es geht ja nicht mal darum, dass er für Jahrzehnte hängen bleibt. Wenigstens bis zum nächsten Raum. Oder zum n

 
 
 
Warum ich für den Beruf des Museumstexters kämpfe

72 Prozent. So viele Besucherinnen und Besucher ignorierten im Naturkundemuseum Karlsruhe die Texttafeln in einem bestimmten Ausstellungsbereich komplett. Sie gingen daran vorbei, als wären sie Luft.

 
 
 

Kommentare


bottom of page