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Serie Textkritik: Ein Saaltext zum Impressionismus

Bernd Röthlingshöfer
12. Aug.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Aug.

Hier nehme ich mir in loser Folge reale Museumstexte vor – Wandtexte, Saaltexte, Objektbeschriftungen – und seziere sie, Satz für Satz. Welche Fragen an den Text gestellt werden und welche kritischen Befunde es gibt, habe ich hier erläutert.

Gefunden habe ich diesen Saaltext in der Ausstellung Impressionismus. Die Kunst der Landschaft (2017) im Museum Barberini:


Der Text:

Impressionismus in Deutschland Erste Schritte

Im Kaiserreich der 1870er Jahre blieb die moderne Kunst von einer akademischen, dunkeltönigen Ateliermalerei geprägt. Der französische Impressionismus wurde zunächst kaum zur Kenntnis genommen. Künstlerinnen und Künstler orientierten sich an Vorbildern aus der Schule von Barbizon mit ihren Szenen des bäuerlichen Lebens. Weitere Anregungen kamen aus Holland vom naturalistischen Ansatz der Haager Schule. Aber in ihrer Genremalerei thematisierten deutsche Maler bereits den Alltag der einfachen Bevölkerung. In dieser realistisch-nahen, erzählerischen Form stellten sie freundlichere soziale Einrichtungen wie Altersheime oder Waisenhäuser dar. Erst ab den 1890er Jahren setzte sich die impressionistische Freilichtmalerei durch und entwickelte sich in verschiedenen Zentren – etwa in Berlin, Weimar, München und Dresden.


Die Kritik:

  • Schon mit der Überschrift ist eine große Chance vertan. Keine anregende Formulierung, keine Frage, keine Ansprache des Besuchers, keine leitende Idee. Eine Überschrift wie die Beschriftung für ein Karteikästchen.

  • Passive Formulierungen, keine menschlichen Akteure:

  • „Weitere Anregungen kamen aus Holland vom naturalistischen Ansatz der Haager Schule.“ Es bleibt abstrakt, woher die Anregungen kommen. Auch der Ansatz der Haager Schule ist ein Abstraktum. Gab es keine handelnden Personen?

  • „Der französische Impressionismus wurde zunächst kaum zur Kenntnis genommen.“ Mehr Bürokratendeutsch geht nicht: „wurde zur Kenntnis genommen“. Passivkonstruktion, abstrakt. „Zunächst kaum“ – aber ein bisschen vielleicht doch? Muss man diese Aussage relativieren, kann sich der Autor nicht festlegen, oder ist es bloßes Füllsel?

  • Fachbegriffe ohne Erklärung: akademische Ateliermalerei, Genremalerei, Haager Schule, Schule von Barbizon, naturalistischer Ansatz – Begriffe, die der normale Besucher nicht kennt und die der Text nicht erklärt. Sie erzeugen den Eindruck von Kompetenz, helfen aber nicht beim Verstehen.

  • Wertende Adverbien: „zunächst“, „bereits“, „erst“ – alle drei implizieren eine Erwartung, die nicht erfüllt wurde. Das ist eine versteckte Wertung, die in einem sachlichen Bereichstext nichts zu suchen hat – außer man erzählt den Grund dafür.

  • „Freundlichere soziale Einrichtungen“ – Freundlicher als was? Der Vergleich hängt in der Luft.

  • Der gravierendste Fehler im Text: Der erste Satz behauptet: alles blieb akademisch und dunkel. Dann folgen drei Sätze, die das Gegenteil beschreiben: Barbizon, Haager Schule, einfaches Leben, Waisenhäuser. Der Text widerlegt seine eigene Eingangsthese, ohne das zu bemerken. Ein Bereichstext, der sich selbst widerspricht, verwirrt den Besucher nicht nur – er vermittelt auch inhaltlich etwas Falsches. Entweder war die deutsche Malerei der 1870er akademisch und starr. Oder sie wandte sich dem einfachen Leben zu. Beides gleichzeitig geht nur, wenn der Text diesen Widerspruch explizit als Spannung benennt und auflöst. Das ist kein stilistisches Problem. Das ist ein inhaltlicher Fehler.


Gesamteindruck: Eine bloße Aufzählung von Fakten, keine Erzählung. Es liest sich wie einer von hunderten Textbausteinen, die sich im Internet zum gleichen Thema finden, und nicht wie ein genuin geschaffener Ausstellungstext. Weder entspricht er den Kriterien für gutes Deutsch, noch macht er sich die Mühe, seine Besucher zu interessieren, zu motivieren, zu provozieren. Vom Unterhaltungswert ganz zu schweigen. Blasse und entrückte Museumssprache – hier dient sie als Distinktionsmerkmal.


Die neue Version:

Natürlich geht es auch anders. Konkreter, sinnlicher, aktiver und mit einer Überschrift, die sofort neugierig macht. Dabei trifft sie auch noch den Kern der Sache, da sie ein Zitat eines namhaften deutschen Impressionisten enthält.


„Braune Sauce“ statt Sonnenlicht

1874 gilt als Geburtsstunde des Impressionismus: In Paris zeigten Monet, Renoir, Degas und zwei Dutzend andere junge Künstler ihre Werke. Sie waren leuchtend, bunt, flirrend, inmitten der Natur entstanden. Deutsche Maler blieben im Atelier und malten noch, wie es die Kunstakademien lehrten: historische und mythische Szenen in dunklen Farben. „Braune Sauce“ nannte Max Liebermann diesen Stil. Immerhin zog es erste Maler nach draußen – um die Natur und den Alltag einfacher Menschen festzuhalten. Doch auch diese Bilder blieben meist grau und dunkelbraun. Erst Ende der 1890er Jahre war der Impressionismus in Deutschlands Kunststädten wie München, Weimar, Dresden, Berlin angekommen. Jetzt malte man auch hierzulande wie die Franzosen – hell, leicht, sinnlich.

 
 
 

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