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Warum ich für den Beruf des Museumstexters kämpfe

Bernd Röthlingshöfer
9. Sept.
5 Min. Lesezeit

72 Prozent. So viele Besucherinnen und Besucher ignorierten im Naturkundemuseum Karlsruhe die Texttafeln in einem bestimmten Ausstellungsbereich komplett. Sie gingen daran vorbei, als wären sie Luft. Dann kam ein Museumsteam, formulierte dieselben Inhalte nach professionellen Kriterien neu – und die Ignorierquote fiel auf 24 Prozent (Borzyskowski 1991, zit. n. Dawid/Schlesinger 2002). Dieselben Objekte, dieselbe Ausstellung, derselbe Etat. Der einzige Unterschied: Jemand hatte sich um die Sprache gekümmert.

 

Das war 1991. Man weiß also seit 35 Jahren, was zu tun ist, um Ausstellungstexte besser zu machen. Man tut es nur nicht. Ich behaupte, dass Museen den wichtigsten Teil ihres Bildungsauftrags ignorieren. Denn die Ausstellungsobjekte sprechen ja nicht für sich allein – sie werden vor allem durch Texte erklärt und vermittelt.

 

Eine Botschaft ist, was beim Empfänger ankommt

 

Kommunikation kennt eine simple, unbequeme Regel: Eine Botschaft ist das, was beim Empfänger ankommt – nicht das, was der Sender gesendet hat. Kuratorinnen und Kuratoren können dabei noch so viel senden. Ob dabei etwas ankommt, ist eine andere Frage – und genau diese Frage stellt in deutschen Museen kaum jemand systematisch. denn dazu bräuchte man Besucherbefragungen, Pretests und vor allem: einen Mitarbeiter der Kuratorendeutsch erst mal verständlich macht.

 

Der Marburger Linguist Christian Fandrych und Kolleginnen haben das in einer korpusgestützten Studie zu Ausstellungstexten nachgewiesen: Fachwörter und eine hohe Propositionsdichte machen viele Museumstexte zu „schweren Texten“ – schwer verständlich, schwer lesbar, schwer verdaulich. Und das in einer Situation, in der Besuchende ohnehin nur widerwillig lesen. Der Schweizer Museumstexter Marcel Hänggi bringt die Ausgangslage auf den Punkt: Niemand geht ins Museum, um zu lesen. Man will Objekte sehen und liest nur, weil man es muss – unter erschwerten Bedingungen, mit müden Beinen, während ein Kind irgendwo schreit. Nun gut, das alles ist doch längst bekannt. Warum wird nicht gehandelt?

 

Schlechter Text schafft mehr als ein Problem

 

Auf der Erlebnisebene entscheidet der Text, ob aus einem Pflichttermin eine Gewohnheit wird. Wer zwei Sätze braucht, um einen Satz zu verstehen, kommt kein zweites Mal. Ein guter Text motiviert, berührt und animiert, mehr wissen zu wollen. Ein schlechter Text frisst so viel Kapazität, dass man im dritten Raum schon müde ist.

Und sofort wird das zum wirtschaftlichem Problem: Ohne ein großartiges Besuchererlebnis keine Wiederholungsbesuche, Mitgliedschaften, Weiterempfehlungen. Ich sag’s mal sehr salopp: Ein Museumsbesuch muss geil sein, nicht anstrengend. Sonst merkt man es auch an der Kasse.

 

Und dann haben wir ja auch ein bildungspolitisches Problem. Museen tragen einen Bildungsauftrag, den sie sich nicht aussuchen, sondern der ihnen zugeschrieben ist – von Trägern, von Förderrichtlinien, von der eigenen Satzung. Für viele Menschen ist der Wandtext im Museum der einzige Berührungspunkt mit einem Fachgebiet außerhalb von Schule oder Studium. Und für Menschen ohne höheren Bildungsabschluss werden schlechte Texte zur ausgrenzenden Barriere. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat das bereits in den 1960er-Jahren in seiner Studie L’Amour de l’art gezeigt: Museumsbesuch setzt kulturelles Kapital voraus, das in der Bildung ungleich verteilt wird – wer es nicht mitbringt, bleibt draußen, ganz gleich, wie offen die Tür steht (vgl. Fyfe, „Reproductions, cultural capital and museums“, Museum and Society). Ein Text, der nur Menschen mit Studienabschluss erreicht, verschärft genau diese Ungleichheit, statt sie zu lindern. Vulgo: Wer sich im Museum doof vorkommt, wird es in Zukunft meiden. Bildungsauftrag verfehlt.

 

Wer öffentliches Geld für Vermittlung bekommt, schuldet auch eine Wirkung und daher auch eine verständliche Sprache. Die USA haben diesen Zusammenhang gesetzlich verankert: Der Plain Writing Act von 2010 verpflichtet Bundesbehörden – und damit auch nationale Museen – zu klarer, verständlicher Sprache. Das Smithsonian National Museum of Natural History, Washington, D.C. hat daraus einen eigenen „Guide to Interpretive Writing for Exhibitions“ entwickelt. Das Vereinigte Königreich ist auf demselben Weg: Das British Museum beschäftigt ein eigenes Interpretation Team mit institutsweiten Richtlinien, das Victoria and Albert Museum besetzt eine „Senior Interpretation Editor“-Stelle fest im Organigramm. Die Stellenbeschreibung für diese Position beim V&A verlangt wörtlich „a passionate audience advocate“ – jemanden, der die Bedürfnisse der Besuchenden gegenüber dem Kuratorenteam vertritt. Genau diese Rolle gibt es im deutschsprachigen Raum in aller Regel nicht. Einen womöglich leidenschaftlich auftretenden Sparringspartner eines Kurators wünscht man sich hierzulande wohl nicht. Allenfalls braucht man einen Lektor.

 

Der Beruf, den es offiziell nicht gibt

 

Eigentlich müssten Ausstellungstexte das Medium sein, das so intensiv diskutiert wird wie kein anderes, bevor die Türen zu einer Ausstellung eröffnet werden. Und eigentlich müssten die Museumstexter zentrale Figuren im Ausstellungsgeschehen sein. Aber dem ist nicht so. Jedenfalls nicht hierzulande. Der Deutsche Museumsbund hat 2008 gemeinsam mit ICOM Deutschland und ICTOP die Publikation „Museumsberufe – Eine europäische Empfehlung“ herausgegeben, ein Katalog mit 20 Anforderungsprofilen für die Museumsarbeit. Direktor/in, Kurator/in, Restaurator/in, Vermittler/in, Webmaster, Leiter/in Pressestelle – akribisch aufgelistet, bis hin zur Assistenz im Besucher- und Aufsichtsdienst. Eine Rolle fehlt komplett: die Person, die den Ausstellungstext schreibt. Auch der 2019 nachgereichte Leitfaden, der die Museumsarbeit inzwischen in über 50 Tätigkeitsprofile ausdifferenziert, ändert daran nichts Grundsätzliches. Es gibt „Ausstellungskurator/in“, es gibt „Leiter/in Vermittlung“, es gibt niemanden, dessen Kernaufgabe das Schreiben selbst ist. Der Museumsbund kennt jeden Beruf im Haus – nur den nicht, der darüber entscheidet, ob die Arbeit aller anderen beim Publikum ankommt. Zur Sicherheit schreibe ich es nochmal hin: Der Museumsbund kennt jeden Beruf im Haus – nur den nicht, der darüber entscheidet, ob die Arbeit aller anderen beim Publikum ankommt.

 

Ausstellungstext ist das, was übrigbleibt, wenn Konzeption, Objektauswahl und Szenografie fertig sind. Kuratorinnen schreiben das, weil sie die beste Kenntnis über das Ausstellungskonzept und das Exponat haben – aber an der Übersetzung ihrer Fachsprache in die Alltagssprache ihrer Besucherinnen und Besucher scheitern sie.

 

Warum das? Weil Schreiben für „Zielgruppen“ ein eigenes Handwerk ist. Wie kann es sein, dass man Kuratorinnen beim Texten dilettieren lässt? Die Vitrinen schreinern sie ja auch nicht selber. In Ländern wie den USA, Großbritannien oder den Niederlanden hat man aus 30 Jahre alten Erkenntnissen auch Handlungen abgeleitet. Hierzulande ignoriert man die Erkenntnisse der Linguistik, Psychologie und Besucherforschung.

 

Gute Texte sind nicht „nice to have“. Sie sind keine Girlanden, auf die man verzichten kann. Sie sind essenziell. Deshalb kämpfe ich für den Beruf des Museumstexters. Der ist, um mal die Worte einer früheren Bundeskanzlerin zu verwenden, alternativlos.

 

Denn was wäre die Alternative? Schlechte Texte. Sie verfehlen den Bildungsauftrag, frustrieren und vergraulen Besucher, tragen nichts zum Aufbau einer Museumsidentität bei, verstärken Bildungsungleichheit und verschenken das Investment in die Ausstellung.

 

Quellen

• Borzyskowski, G. (1991), zit. n. Dawid, E./Schlesinger, R. (2002): Texte in Museen und Ausstellungen. Besucherstudie Naturkundemuseum Karlsruhe.

• Fyfe, G.: "Reproductions, cultural capital and museums: aspects of the culture of copies", Museum and Society, Bezug auf Bourdieu, P.: L'Amour de l'art (1960er-Jahre-Studie). https://journals.le.ac.uk/index.php/mas/article/view/2783

• Hänggi, M.: "Schreiben: Museumstexte". http://www.mhaenggi.ch/schreiben-museumstexte.html

• Smithsonian Institution: Guide to Interpretive Writing for Exhibitions (mit Bezug auf den Plain Writing Act 2010). https://exhibits.si.edu/wp-content/uploads/2021/09/SI-Guide-to-Interpretive-Writing-for-Exhibitions.pdf

• Deutscher Museumsbund/ICOM Deutschland/ICTOP: Museumsberufe – Eine europäische Empfehlung, 2008. https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2017/03/leitfaden-europaeische-museumsberufe-2008.pdf

• Deutscher Museumsbund: Professionell arbeiten im Museum (Leitfaden mit über 50 Tätigkeitsprofilen), Dezember 2019. https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/id/eprint/9002/contents

• British Museum: Interpretation Guidelines – Writing text for galleries and exhibitions, August 2022. https://bmitpglobalnetwork.org/wp-content/uploads/2024/01/British-Museum-Interpretation-Guidelines-PDF-VERSION.pdf

• Victoria and Albert Museum: Stellenausschreibung Senior Interpretation Editor / Interpretation Editor. https://escapethecity.org/opportunity/37120-interpretation-editor-at-victoria-and-albert-museum

• Studie zur Verständlichkeit von Ausstellungstexten (korpusgestützt), Universität Hildesheim. https://hilpub.uni-hildesheim.de/server/api/core/bitstreams/84c59609-ebe0-4d97-9b2b-f634e832a8f4/content

 
 
 

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