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Serie Praxistipps: Lange Ausstellungstexte müssen nicht tabu sein

Bernd Röthlingshöfer
23. Sept.
2 Min. Lesezeit

Lange Texte in Ausstellungen wirken abschreckend und werden nur von einem kleinen Bruchteil der Besucherinnen und Besucher vollständig gelesen. Das will niemand ernsthaft bestreiten. Wer es schafft, mit wenig Worten eine Botschaft klar zu übermitteln, hat alles richtig gemacht. Darin sind sich alle Ratgeber zu Ausstellungstexten einig. Doch jede Regel kennt Ausnahmen – auch die, Texte möglichst knapp zu halten. Manchmal muss es eben mehr sein, um ein interessantes Objekt, seine Entstehung oder Provenienz zu erläutern.


Allerdings: Niemand, der sich nur eben mal die wichtigsten Infos aus einem langen Text erschließen möchte, wird sich die Mühe machen, diesen Text Wort für Wort zu lesen. Aus der Forschung zum Leseverhalten bei digitalen Texten gibt es eine verblüffende Erkenntnis. Bereits 1997 wies der Usability-Forscher Jakob Nielsen in einer Eyetracking-Studie nach, dass 79 Prozent aller Nutzer neue Webseiten zunächst nur scannen und lediglich 16 Prozent Wort für Wort lesen. Gescannt werden Elemente, die zuerst in den Blick geraten, wie Überschriften, Zwischenüberschriften, hervorgehobene Wörter. Nebenbei gesagt ist es eine lang etablierte Erkenntnis aus dem Bereich gedruckter Medien wie Zeitungen, Magazinen, Zeitschriften: Da gibt es Dachzeile, Überschrift, Vorspann und Zwischenüberschriften, die die Leser sowohl in den Text hineinziehen als auch durch den Text führen sollen.


Und genau diese Erfahrungen sind hilfreich, um lange Texte lesbar zu machen. Und um dafür zu sorgen, dass die wichtigsten Botschaften, trotz einer großen Textmenge übermittelt werden können.


Ohne Kleintexte keine Leser

Überschriften, Zwischenüberschriften, Bildunterschriften nennt man im Journalismus Kleintexte. Ein absurd danebengeratener Begriff, denn die sogenannten Kleintexte tragen die Hauptlast, wenn es darum geht, den Leser für den Text als Ganzes zu gewinnen. Der Schreibtrainer und ehemalige Feuilletonredakteur der FAZ, Markus Reiter, bringt es auf den Punkt: „Misslingen die Kleintexte, stößt ein Leser erst gar nicht bis zum eigentlichen Artikel vor. Kleintexte können neugierig machen, den Leser informieren – oder ihn sich abwenden lassen. … Artikel ohne Kleintexte funktionieren nicht, weil sie den Leser orientierungslos lassen.“


Auch wenn ein Besucher nur die Hälfte des Textes liest, kann er die Kernbotschaft mitnehmen – wenn die Kleintexte sie tragen. Überschrift, Zwischenüberschriften und Bildunterschriften funktionieren wie eine zweite, parallele Textebene: Wer nur sie liest, versteht das Wesentliche. Wer tiefer einsteigt, findet im Fließtext die Details dazu. Zu den Kleintexten und verwandten Elementen, die das Auge beim Überfliegen einer Museumswand zuerst erfasst, gehören:

  • Objekttitel und Überschriften

  • Zwischenüberschriften

  • Bildunterschriften

  • Hervorhebungen

  • Zitate von Zeitzeugen, Sammler*innen


Blicktest zum Abschluss

Betrachten Sie eine Wand – bei zusammenhängenden Inhalten auch eine ganze Raumfolge – immer als Ganzes. Überfliegen Sie sie wie ein Besucher, der nach wenigen Sekunden weiterzieht: Lesen Sie nur die Überschriften und alle hervorgehobenen Elemente, nichts sonst. Prüfen Sie dann: Trifft das, was hängen bleibt, wirklich den Kern des Themas – oder fehlt genau die Information, die der Text transportieren will? Fragen Sie sich selbstkritisch: Motivieren diese „gescannten“ Informationen, tiefer in den Text einzusteigen? Wenn Sie einen dieser beiden Prüfpunkte verneinen, sollten Sie die „Kleintexte“ nochmals überarbeiten.


Quellen:

Jakob Nielsen: How Users Read on the Web: They Don’t (Eyetracking-Studie, 1997)

Markus Reiter: Überschrift – Vorspann – Bildunterschrift: Kleine Texte ganz groß (Teil 1), Fachjournalist, Deutscher Fachjournalisten-Verband. https://www.dfjv.de/publikationen/fachjournalist/ueberschrift-vorspann-bildunterschrift-kleine-texte-ganz-gross

 
 
 

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