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Warum Museen Gefahr laufen, ihr Gesicht zu verlieren

Bernd Röthlingshöfer
28. Juli
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Aug.

ChatGPT hat wieder etwas bislang Undenkbares getan: es hat eine Ausstellung kuratiert. Vom 9. September 2023 bis 18. Februar 2024 zeigte das Nasher Museum of Art der Duke University in Durham, North Carolina, die Schau Act As If You Are a Curator: An AI-Generated Exhibition – aus einem Bürowitz eines Kuratorenteams wurde ein echtes Projekt. Die KI wählte 21 Werke aus der Sammlung aus, gab der Schau den Titel Dreams of Tomorrow: Utopian and Dystopian Visions und verband Dalís The Obsession of the Heart mit präkolumbianischen Tonfiguren, weil sie irgendeine Verbindung zu Jenseitsvorstellungen witterte. Sie schrieb auch die Objekttexte gleich mit. Der Ton geriet, wie MuseumNext berichtet, eher wie ein Reiseprospekt als wie eine kuratorische Einordnung. Freundlich, glatt, ohne Kante. Das Museum musste menschliche Kommentare dazwischenschieben, um Fehler zu korrigieren und der Schau überhaupt Tiefe zu geben (Jim Richardson, „Can ChatGPT Replace a Curator: The Nasher Museum's AI Experiment“, MuseumNext, 11. September 2024, museumnext.com).


Kein Einzelfall. Vom 16. September 2025 bis 8. März 2026 zeigte das Museum Die Eulenburg – Universitäts- und Stadtmuseum in Rinteln die Sonderausstellung Alles Kunst! 2.0. KI generierte Skulpturen und Filmanimationen zwischen Kultur und Chaos, die Nachfolgeschau zu Alles Kunst! von 2023, laut Museum Deutschlands erster Ausstellung KI-generierter Bilder (Rinteln-Aktuell, „Neue Sonderausstellung im Museum Rinteln“, rinteln-aktuell.de). Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart hat im März 2024 als eines der ersten Museen im deutschsprachigen Raum eigene Leitlinien für den KI-Einsatz veröffentlicht (Landesmuseum Württemberg, „Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Landesmuseum Württemberg“, landesmuseum-stuttgart.de) – Museen entwickeln also längst Regelwerke für eine Praxis, die offiziell kaum irgendwer zugibt. Und ganz nebenbei übersetzen etliche Häuser mit DeepL und lassen sich mit DeepL Write erste Textentwürfe glätten (musermeku, „Hilfreiche KI-Tools zur Unterstützung der Museumsarbeit“, musermeku.org). Die Technologie kommt leise in immer mehr Museen an.


Bloß nicht bei den Besuchern. Die American Alliance of Museums hat im Januar 2026 über 2.000 US-Amerikaner gefragt, was sie von KI in Ausstellungstexten halten. Das Ergebnis ist eindeutig: 43 Prozent wollen, dass ausschließlich Menschen jeden Inhalt verfassen, von der E-Mail bis zur Ausstellung. Rechnet man alle zusammen, die KI in Ausstellungstexten grundsätzlich ablehnen, landet man bei über 70 Prozent. Nur 9 Prozent sind völlig entspannt. Und 45 Prozent wollen bei jeder KI-Nutzung informiert werden, egal wofür sie eingesetzt wird (Diamond Alexander / Wilkening Consulting im Auftrag der American Alliance of Museums, „AI in Museums and Community Trust: A 2025 Annual Survey of Museum-Goers Data Story“, 30. März 2026, aam-us.org).

Die Zitate aus dieser Umfrage sind alles andere als zurückhaltend. „AI is theft“, schreibt eine Person. Eine andere würde ernsthaft überlegen, ein Museum nicht mehr zu besuchen, sollte es KI-Texte einsetzen.


Wenn Besucher KI derart entschieden ablehnen, folgt fast zwangsläufig ein Gegentrend: die Kennzeichnung des Menschlichen. Das Frick Pittsburgh in Pittsburgh, Pennsylvania, macht so etwas schon, wenn auch aus einem anderen Anlass. Für die Ausstellung Kara Walker: Harper's Pictorial History of the Civil War (Annotated) im Jahr 2025 ließ Chefkuratorin Dawn Reid Brean Name und Foto der jeweiligen Autorin neben den Wandtext stellen. Eine der eingeladenen „Labelistinnen“, die Historikerin Shaun Myers, schrieb dort über ihre eigene Familiengeschichte – ihr Ururgroßvater floh von einer Plantage, um in der Unionsarmee zu kämpfen (Emma Riva, „Museum wall texts are an art in their own right—but will they survive the digital age?“, The Art Newspaper, 27. Januar 2026, theartnewspaper.com). Das ist kein austauschbarer Fließtext mehr. Das ist ein Mensch, der etwas zu sagen hat und dafür geradesteht.

Was als Projekt für mehr Perspektivenvielfalt begann, wird gerade zu einem Vertrauensbeweis. Name und Gesicht neben dem Text sagen dem Besucher unmissverständlich: Hier hat niemand einen Prompt eingegeben.

In Nantes ging man noch weiter, wenn auch anonym. Vom Februar bis zum 29. März 2026 (dem internationalen Tag der Wolken) hingen im Musée d'arts de Nantes zwanzig Objekttexte zum Thema Wolken in der Malerei, geschrieben von Inhaftierten des Centre Pénitentiaire de Nantes im Rahmen von Schreibworkshops mit dem Autor Mathieu Simonet (Club Innovation & Culture CLIC France, „Le musée d'arts de Nantes affiche des cartels rédigés par des personnes détenues du Centre Pénitentiaire de la ville“, club-innovation-culture.fr). Die Texte tragen Pseudonyme, aber sie tragen eine Stimme. Man merkt beim Lesen sofort: Hier schreibt jemand, der eine persönliche Handschrift hat – und nicht der Algorithmus, der Wahrscheinlichkeiten aneinanderreiht.


Muss jetzt ein Dogma sterben?

In der Museumswelt gilt bis heute ein heiliges Prinzip: Der Text darf keine Handschrift zeigen. Kein „ich“, kein „wir“, keine erkennbare Meinung, keine persönliche Stimme. Das Museum spricht, nicht der Mensch, der den Text getippt hat. Die Kunsthistorikerin Isabelle Mattar seziert das in ihrem Blogprojekt „The Museum Label Project“ ziemlich genau: Klassische Labels „ventriloquisieren“ institutionelles Wissen, ohne die Anwesenheit oder Neugier des Betrachters überhaupt anzuerkennen. Ein Monolog, kein Dialog. Autorität statt Einladung (Isabelle Mattar, „Advocating for a New Era of Museum Object Labels“, Museum Matters@Michigan, Museum Studies Program der University of Michigan, 12. Dezember 2025, ummsp.rackham.umich.edu; ihr fortlaufendes Projekt: themuseumlabelproject.substack.com).

Genau dieses Dogma – bloß keine persönliche Note – hat die Texte über Jahrzehnte in eine bestimmte Richtung gedrückt: neutral, sachlich, distanziert, in vielen Häusern fast wortgleich austauschbar. Anders gesagt: Diese Texte klingen schon wie KI, lange bevor überhaupt eine KI sie geschrieben hat. Ein Text ohne Autor, ohne Perspektive, ohne erkennbare Stimme – genau das produziert ein Sprachmodell im Zweifel auch, nur schneller und billiger. Wenn das Ziel seit jeher Neutralität und Austauschbarkeit war, dann hat die Museumsbranche der KI den Job längst vorbereitet.


In einem Moment, in dem KI geschriebene Sprache zunehmend zu steriler Einheitlichkeit einebnet, stehen Museen laut Mattar vor einer Entscheidung. Entweder sie kopieren diesen monotonen Ton weiter. Oder sie behaupten endlich eine eigene, unverwechselbare Stimme.

Die These, die daraus folgt, ist unbequem für eine Branche, die Neutralität immer für Seriosität gehalten hat: Nicht die KI bedroht die Eigenständigkeit der Museumstexte. Die Museen haben ihre eigenen Texte so lange normiert, geglättet und entpersonalisiert, bis kein Unterschied zur Maschine mehr übrig blieb.

Die Konsequenz wäre eigentlich einfach, auch wenn sie viele Kuratorinnen und Kuratoren Überwindung kostet: raus aus der Deckung. Name drunter, Perspektive rein, auch mal ein „ich“. Nicht, weil das gerade Mode ist. Sondern weil es der einzige verlässliche Unterschied bleibt, den keine KI kopieren kann – zumindest noch nicht.


Woher aber soll diese eigene Stimme kommen? Kuratorinnen und Museumspädagogen lernen den neutralen, distanzierten Kuratorenton schon im Studium. Sie verinnerlichen ihn über Jahre der Praxis, bis er zur zweiten Natur wird. Man kann von ihnen schwer verlangen, plötzlich spannend, zugewandt, lebendig oder empathisch zu schreiben – wenn genau das nie Teil ihrer Ausbildung war und sie es selbst nie ernsthaft in Betracht gezogen haben. Die Lösung dafür ist banal einfach, auch wenn sie in vielen Häusern noch nicht angekommen ist: Sprachprofis ins Boot holen. Autorinnen, Journalisten, Werbetexterinnen. In den USA ist der Beruf bereits etabliert als „Museum Writer“ oder „Senior Exhibition Writer“ (ZipRecruiter, „Museum Writer Jobs“, Stand Januar 2026, ziprecruiter.com) – Menschen, deren einziger Job das Schreiben ist, nicht die Kunstgeschichte. Auch in Großbritannien ist man längst weiter als hierzulande. Steve Slack schreibt und redigiert seit 2004 hauptberuflich Ausstellungstexte, von 2006 bis 2009 als Interpretation Officer am British Museum in London, seither als freier Heritage-Interpretation-Consultant unter anderem für National Museums Scotland, die National Galleries of Scotland, das Ashmolean Museum in Oxford und V&A Dundee (Steve Slack, „Museum Text“, steveslack.co.uk). Und mit Copestone Copywriting gibt es sogar eine Londoner Agentur, die Ausstellungsmacherinnen weltweit gezielt mit Journalisten, Redakteurinnen und Autoren für Ausstellungstexte versorgt (Copestone Copywriting, „Exhibitions“, copywriters.uk.com).

Was wir hierzulande hoffentlich bald als Berufsbild entdecken, ist im britischen und US-amerikanischen Kulturbetrieb seit Jahrzehnten gelebte Praxis. Dort hat man sich sprachliche Kompetenzen ins Haus geholt und gestaltet hervorragende Ausstellungen.


Ich fürchte: In Deutschland läuft man Gefahr, einen wichtigen Schritt auszulassen. Man wird KI-Texte verfassen lassen, ohne ihre kommunikative Qualität beurteilen zu können. Und so wird sich der Slop (Sprachmüll) wie ein Virus verbreiten – wenn niemand mit Sprachgefühl gegensteuert.

Der wichtige Schritt vor einem KI-Einsatz wäre es, Sprachprofis ins Boot holen, bevor der Slop sich durchsetzt. So kommt eine dringend nötige Expertise ins Haus, ohne dass Kurator_innen ihre fachliche Autorität verlieren. Und so muss sich niemand mehr allein aus dem sprachlichen Sumpf seelenloser Wandtexte ziehen.

 
 
 

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