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Serie Textkritik No. 2: Ein Objekttext, der Raubkunst „verschleiert“

Bernd Röthlingshöfer
25. Aug.
6 Min. Lesezeit

Im Ethnologischen Museum in Berlin stehen wir vor einem geschnitzten Türrahmen aus dem Palast des Königreichs Baham (Kamerun). Der analysierte Text befindet sich unterhalb des ausgestellten Objekts.


Der Text:

Bom dye, Türrahmen Kamerun, Baham · 19. Jh. · Holz, Farben · gesammelt um 1905 von Hans Glauning, erworben 1907, III C 21052 a–c


Dieser Türrahmen ist mit königlichen Figuren, Leoparden, Krokodilen und Spinnen verziert. Er war wohl Teil des Haupteingangs einer im 19. Jahrhundert von König Kamdem I. von Baham erbauten Versammlungshalle. Erworben wurde er 1905, als deutsche Truppen unter der Führung von Hans Glauning das Königreich Baham überfielen und eroberten. Ein Großteil des Palastes wurde abgebrannt.


Hans Glauning

Bevor er sich 1894 der „Schutztruppe“ für Deutsch-Ostafrika anschloss, diente Glauning in der sächsischen Armee. Im Jahr 1900 wurde er nach Kamerun versetzt. In Afrika führte er „Strafexpeditionen“ und Militäraktionen zur Durchsetzung der Kolonialherrschaft. Er war auch ein begeisterter Amateur-Ethnologe und erwarb Hunderte von Objekten für deutsche Museen. Während seiner Zeit in Kamerun pflegte er Beziehungen zu König Njoya von Bamum. Glauning fiel 1908 in Kamerun.


Die Kritik:

Zum Einstieg etwas Erfreuliches: Formal ist an dem Text nichts auszusetzen. Kein Nominalstil – durchgehend stehen Verben im Satz: überfielen, eroberten, erwarb, diente, führte, pflegte, fiel. Keine verschachtelten Nebensätze, keine Bandwurmsätze, jeder Satz in einem Atemzug lesbar. Wer nur die Sprachebene prüft, stellt dem Text ein zufriedenstellendes Zeugnis aus.

Aber dennoch: es fehlen Emotionen, es mangelt an Empathie. Einen Bezug zum Betrachter herstellen – nein, es bleibt bei der üblichen musealen Distanz zum Lesenden.


Verwirrend ist, dass der Text mit seinen beiden Absätzen in zwei Teile zerfällt. Ein Teil, der das Objekt beschreibt, der zweite Teil ist mit Hans Glauning überschrieben – hier wird die Chance vertan, mit einer gelungenen Überschrift zum Thema hinzuführen. Aber was ist überhaupt das Thema? Wo ist die „big idea“?

Das lässt sich nur erahnen. Möglicherweise ist es die Idee, ein Objekt und seinen Beschaffer mit einem Textverhältnis 50/50 zu porträtieren. Aber die beiden Textabschnitte lassen den Betrachter auf weiten Strecken im Unklaren, durch Schlampigkeit in der Wortwahl oder durch bewusstes Lavieren in heikler Umgebung. Anders gesagt: der Text spricht nicht Klartext.


Der Objekttext widerlegt sich selbst, im eigenen ersten Satz. Im Datenblock steht: „erworben 1907“. Zwei Sätze später steht, was tatsächlich geschah: deutsche Truppen „überfielen und eroberten“ das Königreich. Erwerb und Überfall sind im selben Text zwei verschiedene Vorgänge – dabei ist es derselbe. Noch dazu stimmen die Jahresangaben nicht überein. In der Kurzbeschreibung heißt es gesammelt 1905, erworben 1907. Im anschließenden Fließtext heißt es „erworben 1905“. Was denn nun? Und überhaupt: Was bedeutet dieses „erworben“? In heutiger Sprache suggeriert es ein „käufliches Erwerben“. Im Kontext der tatsächlichen historischen Umstände dürfte es sich kaum um ein „Erwerben“ handeln, sondern um Rauben und Plündern. Wer hier das Wort „erworben“ einsetzt, hilft, die Tatsachen zu verschleiern und zu beschönigen.

Auch der nächste Satz verschleiert, statt zu benennen: „Ein Großteil des Palastes wurde abgebrannt.“ Wer zündete ihn an? Zwei Sätze zuvor hatte der Text noch einen klaren Akteur – „deutsche Truppen … überfielen und eroberten“. Genau an der Stelle, an der die Tat konkret wird, verschwindet der Handelnde im Passiv.

Was der Text komplett auslässt: die Bedeutung dessen, was er beschreibt. „Mit königlichen Figuren, Leoparden, Krokodilen und Spinnen verziert“ – das sieht jeder Besucher selbst. Was er nicht erfährt: Die Spinne gilt im Kamerun-Grasland als besonders kluges Tier, das in der Erde lebt und darum den Ahnen nahesteht. Der Leopard ist in der Grasland-Kunst ein exklusives Königssymbol. Dieser Türrahmen steht als Objekt für eine untergegangene Kultur, die ein ethnologisches Museum uns doch eigentlich nahebringen sollte. Tut es aber nicht. Weiter geht es zum zweiten Teil, der Täterbiografie von Hans Glauning.


„Bevor er sich 1894 der „Schutztruppe“ für Deutsch-Ostafrika anschloss, diente Glauning in der sächsischen Armee“ – ist das wirklich der perfekte Satz, um Hans Glauning vorzustellen? Natürlich nicht, es ist ein völlig überflüssiges biografisches Detail, das mit dem Objekt und den Umständen seiner „Beschaffung“ nichts zu tun hat. Überhaupt ist die Täterperspektive ein großes Ärgernis. Fünf Sätze für Glauning; ein einziger Satz für das, was seine Truppen 1905 den Menschen im Königreich Baham antaten. Die Wortwahl macht die Schieflage vollständig: Glauning wird als „begeisterter Amateur-Ethnologe“ eingeführt.

Das Adjektiv „begeistert“ arbeitet aktiv für Sympathie: Ein Mensch, der „begeistert“ etwas tut, ist liebenswert, leidenschaftlich, positiv besetzt. Für einen Mann, der laut eigenem Zitat Gebiete „säubern“ ließ, ist das eine bemerkenswerte Wortwahl.

der „Beziehungen pflegte“ – eine Darstellung, die Fürsorge und Nähe suggeriert, keine erzwungene Kooperation unter Androhung von Gewalt.

Und ganz am Ende: „Glauning fiel 1908 in Kamerun.“ „Fallen“ ist die ehrenvolle Soldatensprache für den eigenen Toten. Für die Menschen, die bei der Eroberung Bahams starben, hat der Text kein einziges Verb übrig. Wie erwähnenswert ist sein Tod überhaupt?


Zwei Begriffe verdienen eine eigene Anmerkung, weil sie in Anführungszeichen stehen. „Schutztruppe“ und „Strafexpeditionen“. Beide gelten in der aktuellen Forschung als kolonialistische Euphemismen. Der Begriff Schutztruppe geht auf eine bewusste Entscheidung Otto von Bismarcks zurück, der lieber von „Schutzgebiet“ statt „Kolonie“ sprach, um die Aneignung fremden Landes als Fürsorge zu tarnen – wessen Schutz gemeint war und vor wem geschützt werden sollte, blieb dabei offen. Der Begriff „Strafexpedition“ ist ebenso wenig neutral: Eine wissenschaftliche Untersuchung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste kommt zu dem Schluss, der Begriff sei kein beschreibender, sondern ein legitimierender, der von den Kolonisierenden selbst eingeführt wurde, um Gewalt gegen die Zivilbevölkerung nachträglich zu rechtfertigen. Anführungszeichen allein heben diese Wirkung nicht auf. Sie signalisieren Distanz, aber sprechen die Tatsachen nicht aus.

Unter Glaunings Verantwortung kam es zu Morden, Geiselnahmen, Zwangsrekrutierungen und Enteignungen. Rund 1100 Objekte aus Kamerun gelangten allein durch ihn in deutsche Museen.

Darüber hätte man sprechen können.

Man hätte auch das Objekt selbst in den Mittelpunkt stellen können. Denn was suchen Besucher, die vor einem Objekt stehen? „Was ist das?“, „Woher stammt es?“ Wann ist es entstanden?“ „Was bedeutet es?“ Das sind Fragen, auf die es im Ethnologischen Museum nur spärliche Informationen gibt und keine erhellende Story. Objekttexte bieten immer zu wenig Raum. Doch selbst diesen knappen Platz nutzt der Text ausgerechnet, um den Kunsträuber in beschönigender Form zu würdigen. Wer so mit knappem Raum umgeht, muss sich nach seinen Motiven fragen lassen.

Man kann an dieser Stelle einwenden, dass ein Museumstexter nicht die Arbeit eines Kurators machen sollte. Aber widersprechen muss er dann doch und darauf hinweisen, dass Besucher möglicherweise enttäuscht und irritiert durch die Sammlung gehen.


„We can only hope that, when the remaining galleries are opened, the curatorial project will remember that bringing objects to life and giving voice to their makers is the most important political statement a museum can make.“

Schrieb Rafael Cardoso schon 2021 im New Yorker Kunstmagazin Hyperallergic.com, um seine Enttäuschung in Worte zu fassen.

 

Überarbeitete Version

Die Machtsymbole des Königreichs Baham ...

Bom dye, Türrahmen Kamerun, Baham · 19. Jh. · Holz, Farben · gesammelt um 1905 von Hans Glauning, erworben 1907, III C 21052 a–c

Ein Leopard, eine Spinne und ein Krokodil verzieren diesen Türrahmen. Sie haben symbolische Bedeutung. Der Leopard steht für die Macht des Königs. Die Spinne, die in der Erde lebt, steht für Weisheit und für die Verbindung zu den Ahnen. Nicht geklärt ist die Bedeutung des Krokodils. Der Rahmen bildete den Haupteingang zur Versammlungshalle im Königspalast von Baham – einem Ort, der zugleich Gerichtshof, Ratsversammlung und Schrein der Ahnen war.


... und ihr Weg nach Deutschland

1907 eroberten deutsche Truppen das Königreich Baham im heutigen Kamerun. Sie ermordeten lokale Herrscher, steckten Dörfer in Brand und erschossen Aufständische. Der Offizier Hans Glauning „säuberte“ zahlreiche westafrikanische Gebiete. Im Jahre 1905 plünderte er den Königspalast Baham. Er raubte wertvolle Kunstobjekte, wie diesen Türstock, aus dem Palast. Danach ließ er ihn niederbrennen. Deutsche Museen „verdanken“ allein Hans Glauning rund 1100 Ausstellungsobjekte.


Noch eine Anmerkung: Im Jahre 1907 schrieb Glauning an den Mitgründer des Stuttgarter Völkerkundemuseums Karl von Linden, der ihn um eine große Trommel für seine Sammlung gebeten hatte:


„Was die Besorgung einer grossen Trommel betrifft, so wird es jetzt schwer fallen, eine solche zu beschaffen, da die betreffenden Gebiete pazificirt [sic!] sind, die Eingeborenen aber freiwillig ihre Trommeln nicht gerne hergeben.“


Dieser Satz als Zitat in einem Saaltext hätte allein schon die „Big Idea“ des ganzen Saales sein können. Denn zur Verdeutlichung dessen, wie die Objekte in deutsche Museen gekommen sind, braucht es nicht viele umständliche Erklärungen. Vor allem braucht es keine Verschleierungen und Beschönigungen. Klartext würde schon reichen.

 

Quellen

 

 
 
 

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