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Das Vermittlungskonzept des Rijksmuseums: Welche Geschichte wollen Sie erzählen?

Bernd Röthlingshöfer
18. Aug.
4 Min. Lesezeit

August der Starke hatte, wie er selbst einmal formulierte, „Porzellanfieber“. Der sächsische Kurfürst war kein Kaiser. Das störte ihn sehr. Also wollte er unbedingt selbst Porzellan herstellen können, obwohl im 18. Jahrhundert nur China und Japan das Rezept kannten und es eifersüchtig hüteten. Er bekam es trotzdem heraus, gründete die Manufaktur Meissen und geriet darüber in einen Wettstreit mit einer Frau, die ihm in nichts nachstand: Madame de Pompadour, Mätresse des französischen Königs, ebenfalls steinreich, ebenfalls mit turmhohen Ambitionen. Am Ende dieser Rivalität zweier gekränkter Egos stand europäisches Porzellan, das so gut und so billig wurde, dass fast jeder Haushalt davon essen konnte.

Diese Anekdote erzählt Anne Knipping, wenn sie erklären soll, warum sie besonders stolz auf eine bestimmte Ausstellung ist: eine Schau über Meissener Porzellan im Keramikmuseum Prinsessenhof in Leeuwarden. Porzellanhistorikerin ist sie deshalb keine geworden. Aber sie sieht in der Geschichte einen Kniff, den viele Museumstexte bis heute nicht beherrschen. Ein Nischenthema wird erst dann relevant, wenn jemand die menschliche Geschichte dahinter findet.


Anne Knipping und das Rijksmuseum

Anne Knipping ist Senior Educator Publiek am Rijksmuseum in Amsterdam. Sie verantwortet dort, wie das Museum mit seinem Publikum kommuniziert, vor allem über Ausstellungstexte. Ihren Weg dorthin nahm sie über Umwege. Kunstgeschichte an der Rijksuniversität Groningen, danach ein kuratorischer Master. Dort wurde ihr vor allem eines klar: dass sie gar nicht Kuratorin werden wollte. Was sie stattdessen packte, war das Erzählen der Geschichten hinter Kunst und Historie. Sie arbeitete zunächst als Führungsleiterin, rutschte von dort langsam ins Textschreiben und blieb dabei hängen. Vor dem Rijksmuseum arbeitete sie unter anderem am bereits erwähnten Keramikmuseum Prinsessenhof.


Das Rijksmuseum selbst ist mit knapp einer Million Objekten das größte Kunst- und Geschichtsmuseum der Niederlande. Es residiert seit 1885 in seinem heutigen, von Pierre Cuypers entworfenen Gebäude in Amsterdam und ist vor allem für seine Sammlung niederländischer Meister wie Rembrandt und Vermeer bekannt. Weniger bekannt, aber für dieses Thema entscheidend: Das Haus betreibt Publikumsforschung und richtete vor ein, zwei Jahren ein eigenes Symposium zum Thema Text im Museum aus.


Anfang Mai 2026 war Knipping in Brüssel, für die Fortbildung „Puzzelen met museumteksten“ bei FARO, dem Vlaams steunpunt voor cultureel erfgoed. FARO ist keine Fördereinrichtung, sondern die zentrale Anlaufstelle für den flämischen Kulturerbesektor: Museen, Archive, Erbebibliotheken, Heimatvereine. Die Organisation vermittelt zwischen ihnen und der flämischen Kulturpolitik und organisiert unter anderem den jährlichen Erfgoeddag. Im hauseigenen Podcast FARO Talks kommen regelmäßig internationale Gäste zu Wort, die für einen Workshop oder Vortrag in Brüssel waren. Die Folge mit Knipping erschien Mitte Mai 2026 (Anne Knipping im Gespräch mit Roel Daenen, FARO Talks – Museumteksten met Anne Knipping, faro.be).


Wie sie an einen Text herangeht

Knippings Ausgangspunkt lässt sich ziemlich einfach zusammenfassen. Bevor man an Wörtern feilt, muss die Geschichte stehen. Wer zuerst über Kommasetzung und Fachjargon nachdenkt, verliert nach ihrer Erfahrung fast immer das große Ganze aus dem Blick. Storytelling kann sich Inspiration bei Streaming-Anbietern holen. Die HBO-Serie Chernobyl funktioniert für sie deshalb so gut, weil sich die gesamte Handlung auf eine einzige große Idee zurückführen lässt: wie ein Lügensystem einen Reaktor zum Explodieren bringt. Diese Idee wird von der ersten bis zur letzten Minute durchgehalten.

Übertragen auf die Museumsarbeit heißt das: erst die Kernbotschaft klären, dann die Form wählen. Wandtext, Podcast, eine Installation oder auch etwas ganz anderes. Damit ist sie auch ganz nah an der xy Beverly Serrell, die auch von Museumstexten fordert, nicht nur eine Beschreibung zu liefern, sondern eine „big idea“ zu vermitteln.

Konkret arbeitet Knipping mit fünf Bausteinen: einem Einstiegshaken, der neugierig macht, einer Kernemotion, an der sich Besucher festhalten können, einem klar benennbaren Thema, einer Lektion, die hängen bleiben soll, und einem bewusst gesetzten Ende. In der Praxis trifft dieser Anspruch auf eine harte Grenze, den Objekttext. Am Rijksmuseum liegt sie bei sechzig Wörtern. Alle fünf Bausteine dort unterzubringen gelingt nach eigener Auskunft selbst Knipping nicht in jedem Fall. Trotzdem prägt das Denken in Haken, Emotion und Thema offenbar ihren Blick generell, auch beim Museumsbesuch in der Freizeit, wo sie sich fragt, welche Emotion eine Gestaltung eigentlich transportieren will und ob Inhalt und Ton dabei zueinander passen.


Rijksmuseum-Publikumsforschung

Dass diese Prinzipien nicht nur Theorie bleiben, dafür sorgt die institutionalisierte Publikumsforschung des Rijksmuseums. Eigenes Personal, eine ausreichend große und repräsentative Besucherzahl für belastbare Auswertungen. Ein Befund daraus: Ausstellungen mit Text werden von Besuchern durchweg besser bewertet als solche ohne. Ein anderer Befund ist unbequemer für jede Textautorin. Besucher lehnen es spürbar ab, wenn ein Text ihnen vorschreibt, was sie über ein Werk empfinden sollen, statt es ihnen selbst zu überlassen. Und dann ist da noch der ernüchterndste Fund der ganzen Forschung: Besucher lesen Texte grundsätzlich nicht bis zum Ende. Egal, wie kurz man sie hält.


London, Victoria and Albert Museum

Dort hat Knipping gesehen, wie sich ihr Konzept weiterdenken lässt. Das Prinzip des Hakens (hooks) beschränkt sich in diesem Haus nicht auf einzelne Texte. Jeder Saal organisiert sich um ein eigenes Schlüsselwerk, auf das alles andere ausgerichtet ist, die Objektauswahl, die Wegführung, das Licht. Für Knipping ist das die nächste Stufe: Text nicht als isoliertes Element am Ende des Prozesses, sondern von Anfang an eingebettet in Gestaltung, Ausstellungsbau und Kommunikation.


Wer am Ende entscheidet

Wer im Museum für Texte verantwortlich ist, hat selten das letzte Wort. Kuratorinnen und Kuratoren tragen die inhaltliche Letztverantwortung. Vermittlerinnen wie Knipping sollen dafür sorgen, dass Besucher die Texte verstehen und mögen. Gegenseitiges Vertrauen zwischen Kuration, Vermittlung, Gestaltung und Marketing hält sie für die eigentliche Voraussetzung dafür, dass ein Text inhaltlich anspruchsvoll und trotzdem für ein breites Publikum zugänglich werden kann.

 


Quellen

  • Anne Knipping im Gespräch mit Roel Daenen: FARO Talks – Museumteksten met Anne Knipping, FARO. Vlaams steunpunt voor cultureel erfgoed, Mai 2026, faro.be/faro-talks

  • FARO. Vlaams steunpunt voor cultureel erfgoed vzw: Wat is FARO?

  • Rijksmuseum Amsterdam: Wikipedia-Eintrag

 

 
 
 

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